CINESEXUALITY SCHNEEMANN

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L.REHM |

Eine Perspektive auf Carolee Schneemanns Fuses (1967) 

über Patricia MacCormacks Ansatz der Cinesexualität

Dröhnend, repetitiv, ihrer Höhen beraubt und von Mövenkreischen verletzt brechen zwanzig Minuten lang Wellen in der Soundspur von Fuses, einem Video, an dessen Beginn deren Urheber Carolee Schneemann, die Jahreszahl, Copyrightangaben und die Darsteller „herself“, James Tenney und Kitch the Cat zwischen aufblitzenden Farbflächen, Überlagerungen, Kratzern und anderen analogen Mitteln der Filmmontage zu dechiffrieren sind. Allein die einleitende Operation der separierten Beschreibung des Akustischen, des Visuellen und des Inhaltlichen scheint das Programm der „Verschmelzung“ zu ignorieren.

In der retrospektiven Auseinandersetzung mit der Konfrontation mit Fuses drängen sich vielmehr langsame Bewegungen eines Gewebes aus Farb-/Tonrauschen, oszillierenden, vibrierenden, rhythmisierten harten, abstrakten und konkreten Störungen und Irritationen auf in denen erkennbare Augenblicke wie Mövengeschrei, Körperteile und als Sexuelle nachvollziehbare Bewegungen, sowie die Verwendung von stumpfen Farben wie Okker in Kombination mit Totalen wie Ankerpunkte fungieren, während die überlagerten, hoch-kontrastigen, monochromen Nahen und Details eine Athmosphäre der Dichte, der Bedrohlichkeit, der Enge, des Fleischlichen, auf eine Situation im Körperinneren Verweisenden (rot), oder bei gleicher dynamischen Intensität in hart-kaltem Türkis gar abweisenden Flächen dominieren.

Die seltenen pseudo-fixen Plateaus wie Mövengeschrei, Gesichter, die Katze, Fenster, die sich-Küssenden, der Penis im Mund von Schneeman bieten hier als Serielles, Proportionalanaloges zu Bekanntem keineswegs die Möglichkeit eines distanzierenden, objektivierenden Austritts über narrative Ordnungen: sie stiften die Begierde nach dem, was nicht zu wissen ist, sie dynamisieren das mit Deleuze als in Vibration konzipierte, nach De/Neu-Organisation und De-Organisierung begehrenden Betrachter-Subjekt: So triggert das erkennende Betrachten der wiederkehrenden Detailaufnahmen von Schneemanns feuchter Vagina, James Tenneys nassen, halbschlaffen oder erregierten Penis das schmeckende Auge, die sehende Zunge, und die Philosophie ergießt sich über Haut, Blutkreislauf und Schwellkörper.

Ein rein „zuschauerisches“ Vergnügen ist undenkbar. Mit hoher Dynamik wird in jedem Moment eine neue chaotische Körperkreation generiert. In der Folge sind assoziative Bewegungen in den Bereichen des Sozialen und Logischen zu beobachten: […]–Geschmacksmuster–Idee des Involviertseins–die eigene Freundin in Abgleich–das eigene Verhältnis zur Sexualität–Schneemann ist jetzt alt und würde anders schmecken–Tenney und Kitch sind–[…]. Schließlich gerät in diesem inneren, pseudo-monologischen Diskurs in Vordergrund, dass die emittierten Muster (MacCormack spricht von Bildern), gleich dem Meeresrauschen und dem Blutkreislauf, der sich durch die Monotonie im Rhythmus des Chaos von Fuses stabilisiert, die Fragen wiederholen die wir an sie stellen.

Hier steht die Bifurkation. Wenn der Cinemasochismus jede Möglichkeit von Repräsentation und Bedeutung vermeiden will drängt sich die Opposition in Form des menschlichen Kategorisierungsdrangs als Dachbegriff für alle totalisierenden Maschinen (nach MacCormack Staat, Armee, Kirche Regierung etc). auf. Im dem, dem Video beigestellten Zitat aus dem Londoner Blatt The Guardian auf UBUWEB ist trotz aller Vermeidung von konkreten Bildern und Transgressivität  von der „silent celebration […] of heterosexual love making“ die Rede um die Arbeit im Schneemanns Beiträgen zum Genderdiskurs einzuordnen. Auch die Perspektive auf die Brutalität, Konsequenz, Kreativität und Unangepasstheit an angenehme Rezeptionsmuster, die Nacktheit, den Körper lässt sich leicht funktionalisieren, wenn die Arbeit über die Entstehungszahl 1967 in den Kanon der Kunst der sozialen Umbrüche der 60er Jahre eingespeist wird. Ist also ein ethisches Essay möglich?

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Das Essay entstand im Rahmen einer Übung an der TWM LMU MUC

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