BLASEN AUF DER EBENE

L. REHM |

Eine Auseinandersetzung mit Steven Shaviros Gedanken zu Grace Jones und Nick Hookers Musikvideo Corporate Cannibal (2008)

Eine Landkarte mit affektivem Potential, die soziale (ökonomische) Relationen nicht nur repräsentiert, sondern diese gleichsam konstruiert findet Steven Shaviro im Musikvideo zu Grace Jones Corporate Cannibal.

Dieser Aspekt scheint allerdings weniger von Bedeutung zu sein, wenn bei dem von Nick Hooker gestalteten Video von einer Verbildlichung, Hörbarmachung und Versinnlichung omnipräsenter, aber ungreifbarer Phänomene die Rede ist. Als durch die Immobilien-Blase in den USA im Frühsommer 2007 die Finanzkrise beginnt, ist das Thema des Songs 2008 höchst relevant. Es scheint womöglich zynisch Shaviros Perspektiven um solche auf ökonomische Parameter der Produktion zu erweitern. Doch auch die digitale Verflüssigungs-Video-Technik, die seitens Shaviro v.a. als Bebilderung der Dynamiken der Deleuzschen Kontrollgesellschaft interpretiert wird, kann darüber hinaus einfach als Weiterverwertung eines Prinzips verstanden werden, das schon von Hookers U2 Videos bekannt ist.

Die Ausnahme, dass Grace Jones hier nicht vollständig abstrahiert wird, sondern als eine fixierbare, vorgegebene Größe für digitale Modulationen erhalten bleibt könnte genauso gut als die Aufrechterhaltung der Qualitäten des Produkts „Grace Jones“ betrachtet werden.

Wenngleich er im expliziten Fall des Videos nicht genauer darauf eingeht, trifft Shaviro aber ins Schwarze, wenn er pop-kulturelle Personen als Ikonen zwischen stabiler und perfekter Form und (z.T. dadurch bedingt) als durch Ströme und Entortungen Definierte beschreibt und sie darüber mit medialen und ökonomischen Flüssen in Verbindung setzt.

Sie leuchten auf als Kontrollinstanzen, was über das, was Shaviro in Anlehung an den Philosophen Graham Harman als allure bezeichnet noch amplifiziert wird: Die Diskrepanz zwischen der Anziehungskraft und Vertrautheit die uns entgegen strahlt, wenn wir Grace Jones im Video sehen und der gleichzeitigen Verneinung jeder Möglichkeit zur Intimität zu dieser Kunstfigur „organisiert“ nicht nur unseren Affekthaushalt.

Der Sprung von „Kontrolle“ zur „Organisation“ ist nicht weit, wenn mit Dirk Baecker Letztere noch ins Wechselspiel mit „Störung“ gebracht wird.

In seiner Managementtheorie entwirft Baecker eine Perspektive auf Post-Fordistische, eher auf Diskontinuität (Deleuze) basierende Unternehmen, durch die eine Betrachtung von Corporate Cannibal im Gesamtkontext von Grace Jones medialem Werk fruchtbar wird. Wenn die Aufgabe der Unternehmensführung nicht darin begriffen wird zu steuern sondern zu stören um Atmosphären der Wachsamkeit, des Alternativenbewusstseins und der Anspannung zu generieren, d.h. das kontrollgesellschaftliche Prinzip des kontinuierlich Verschuldeten (ich arbeite gut, aber ich könnte effizienter arbeiten / ich denke gut, aber ich könnte bewusster; komplexer; einfacher denken) in die temporär heterarchischen, dynamischen Strukturen von Organisationen oder Gesellschaften zu integrieren, so wird auch augenscheinlich, was Shaviros Beispiel problematisch macht:

Während Jones im Laufe ihrer Karriere Muster des Animalischen, (sadomasochistisch) Dominanten, des Androgynen und der Blackness und Whiteness bedient und damit in den 70er, 80er und 90er Jahren Theorien wie denen von Donna Haraway vorgreift, scheint Corporate Cannibal weniger Störung, als vielmehr Verbildlichung und Zitieren einer Kapitalismuskritik mit klassisch pyramidial-kosmisch strukturierten Vorstellungen. Und tatsächlich erweist die Kontrollgesellschaft im Anbetracht der Finanzkrise ein Vakuum qualitativer oder quantitativer Kontrolle, für dessen Füllung bis heute nach Modellen gesucht wird. Insofern liefert Corporate Cannibal eine bequeme Boie der sicheren Kritik im „schwindelerregenden“ Strudel der „,globalisierten Netzwerkgesellschaft‘“, wenngleich die Erneuerung eines „Afrofuturistischen Projekts“ durch Corporate Cannibal, lediglich über die Kontinuität der Eingangs als dringend präsent gefundenen Kunstfigur Grace Jones argumentierbar wäre. Letztlich deutet sie als Affektbegriff selbst auf eine unkontrollierte wissenschafts- und kulturökonomische Blase.

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